von Peter Hanisch, LSB-Präsident
Die Berliner sind zu Recht stolz darauf, dass internationale Studien ihrer Stadt höchste Sportkompetenz zusprechen: Platz zwei unter den Sportstädten der Welt, das kann sich sehen lassen. Wir haben hart dafür gearbeitet, gemeinsam mit Politik, Mitgliedsorganisationen, Wirtschaft und Verwaltung, und immer unter Einbeziehung möglichst aller Fraktionen des Abgeordnetenhauses. Oft sind die Rahmenbedingungen alles andere als günstig gewesen.
Wir wissen, dass Berlin zu jenen Städten zählt, in denen aufgrund einer großzügigen Angebotsstruktur der Weg in den Verein eben nicht der einzige und naheliegende ist. Wer seinem Körper etwas Gutes tun will, der findet in der Metropole immer etwas. Notfalls gegen entsprechenden Obolus.
Auch gesellschaftlich spielt der Sportverein bei uns nicht dieselbe Rolle wie in der Provinz, wo Vereinslose von Sozialkontakten beinahe abgeschnitten sind. Der Sitz der Bundesregierung beschert dem Milieu der ’Berliner auf Zeit’ immer neuen Zulauf, die Bindungsbereitschaft an einen Verein ist dort aber naturgemäß nur schwach ausgeprägt. Zudem liegt der Organisationsgrad in den östlichen Stadtbezirken immer noch um rund die Hälfte niedriger als im Westen. Zwar setzte die jüngste Studie zu Deutschlands Sportstädten Berlin insgesamt auf Platz 1, bei der Mobilisierung für den Vereinssport und bei den Mitgliederzahlen jedoch reichte es nur für den 13. Rang. Damit können und wollen wir uns nicht zufrieden geben.
Als in den Achtzigerjahren von Senat und Landessportbund der Begriff der ’Sportstadt Berlin’ geprägt wurde, verstanden wir ihn so, dass die verschiedenen Bereiche dessen, was eine Sportmetropole denn wohl ausmachen könnte, aufeinander bezogen und in Abstimmung gebracht werden sollten. Das waren die ersten Anfänge einer gezielten Sportentwicklung in Berlin.
So wie ein Tisch vier Beine haben muss, damit er sicher und gerade steht, gibt es vier tragende Säulen, auf denen unser Sportstadt-Konzept aufbaut: eine vielfältige und ausreichend dimensionierte Sportstätten-Landschaft, sportliche Vorbilder, sportliche Großveranstaltungen sowie ein modernes Sportangebot an der Vereinsbasis. Systematisch haben wir an der Sportstätten-Infrastruktur gefeilt, dazu gehören nicht immer Neubauten, auch der Altbestand will erhalten sein. Im Zusammenhang des sogenannten ’Quartiersmanagements’ für soziale Brennpunktbezirke ist der Sport zwischenzeitlich anerkannter Partner der Stadtplaner. Aber auch dort, wo es - wie bei Gleisdreieck oder Tempelhofer Feld - darauf ankommt, völlig neue Stadtviertel zu entwickeln, hat der Sport sich frühzeitig mit richtungweisenden Vorschlägen in die öffentliche Diskussion eingeschaltet.
Bei Spitzen-Athleten und -Mannschaften zehrt Berlin wie alle neuen Bundesländer in gewisser Weise noch vom Delegationssystem des DDR-Sports mit dessen Netz der Kinder- und Jugendsportschulen. Die Landesregierung hat sich unter Beachtung der inhaltlichen Wandlung der Schulen zu ihrer Verantwortung für den Fortbestand bekannt, eine vierte im Berliner Westen kam unterdessen hinzu. Um die Effizienz noch zu erhöhen, werden die Einrichtungen gegenwärtig unter der Bezeichnung ’Schul- und Leistungssport-Zentrum’ organisatorisch zusammengefasst.
Auch unser Großveranstaltungskalender sucht seinesgleichen. Fortlaufend werden mögliche Bewerbungen zwischen Senat und Landessportbund detailliert abgestimmt. Aufwand und Ertrag einer Veranstaltung müssen in vernünftigem Verhältnis zueinander stehen; idealerweise sollten natürlich auch ’Eigengewächse’ dort an den Start gehen. Bewerbungen werden also zuvorderst für solche Veranstaltungen in Erwägung gezogen, für die in der Stadt das Publikum sowie die sportliche und organisatorische Infrastruktur vorhanden sind. Auch ein weiterer Imagegewinn für Berlin ist da wichtig.
130 Sportarten werden in Berliner Vereinen betrieben, tonangebend bei der weiteren Ausgestaltung des modernen Angebots sind vor allem die Großvereine. Um diese in ihrer Verwaltung zu professionalisieren, wurde schon Ende der Achtzigerjahre ein neues Förderprogramm geschaffen, das die Anstellung qualifizierter Geschäftsführer honoriert. Etwa zur selben Zeit erhielten zwei bundesweite Modellvereine des Freizeitsports aus öffentlichen Mitteln Vereinszentren mit ganz außergewöhnlicher Strahlkraft; etwa ein Drittel der Großvereine hat zwischenzeitlich mit eigenen Millionen-Projekten, aus Lotto-Erträgen gefördert, nachgezogen.
Um für die kommende Dekade weiter einen angemessenen Rahmen für die Sportentwicklung vorzuhalten, hat der Senat nach Monaten der gemeinsamen Vorarbeit mit dem Sport jetzt eigens ein ’Leitbild für die Sportmetropole Berlin’ erstellt. Sportentwicklung bedarf auch laufender Fortschreibung.
Wir haben frühzeitig damit begonnen, die Vereine mit in die Pflicht zu nehmen und entsprechende Eigenverantwortung zu fördern. Um eine drohende Kostenpflicht für die Sportstättennutzung abzuwenden, haben wir Schlüsselverträge propagiert, bei denen die Nutzer weitgehend ohne Schulhausmeister auskommen, teils auch eine gewisse Pflege übernehmen mussten. Das Modell greift zwischenzeitlich sogar bei einigen Bädern. Durch die Möglichkeit zum vergünstigten Kauf der bisher auf Pachtbasis genutzten ’Sondersportanlagen’ - Tennis- und Reitplätze, Bootshäuser oder Schießstände - wurden Vereine in den Stand versetzt, bei Investitionsbedarf eigene Kredite aufzunehmen. Das hat die öffentliche Hand selbstverständlich ein gutes Stück entlastet.
Der Sport in Berlin nimmt auch die Nöte der Haushälter ernst. Dort, wo ohne Schaden an der Substanz der eine oder andere Euro eingespart werden kann, sind wir dabei. Wenn Schließung und Veräußerung zweier maroder Bäderstandorte einen neuen finanzieren kann, lassen wir mit uns darüber reden. Andererseits hat die Landesregierung ihrerseits viel Verständnis für den Sport bewiesen. In Berlin ist die Nutzung der Standardsportanlagen für die Vereine weiter kostenfrei, und als es für den Schwimmsport eng zu werden drohte, stellte der Senat 50 Millionen Euro aus dem Verkauf einer landeseigenen Wohnungsbau-Gesellschaft zur Bädersanierung bereit. Im Abgeordnetenhaus weiß man, dass der LSB auch notwendige Sanierungen bei Sporthallen und -plätzen nachdrücklich anmahnen muss.
Uns ist eine leistungsfähige Vereinslandschaft wichtig. Hier haben sich Berliner Großvereine als ausgesprochen einfallsreich erwiesen, um Professionalität und die Voraussetzungen öffentlicher Förderung unter einen Hut zu bringen. Ein vom DOSB soeben mit dem neuen Qualitätssiegel ’Sport pro Fitness’ ausgezeichneter Verein lässt sein modernes Sportzentrum mittels Geschäftsbesorgungsvereinbarung bewirtschaften. Über den jeweiligen inhaltlichen und finanziellen Rahmen der Vereinbarung wird auf einer Mitgliederversammlung entschieden. Die betreffende Vereinsabteilung ’Fitness- und Gesundheitssport’ zählt inzwischen bereits 1 400 Köpfe.
Sportentwicklung ist weder die Summe von Zufälligkeiten noch das Ergebnis einsamer Entscheidungen. Nicht immer müssen enge Etats automatisch Rückschritt bedeuten. Mit Ideenreichtum und im Schulterschluss der Akteure lässt sich der sportliche Spitzenplatz Berlins ohne Zweifel auch erfolgreich verteidigen.
(Leitartikel aus der LSB-Verbandszeitschrift „Sport in Berlin" 1/2-2009)

